Mittwoch, 29. Dezember 2010

Leise rieselt das Pulver

Weihnachten ist vorbei, hat uns dieses Jahr weiß überrascht. All die Kinderjahre hab ich darauf gewartet, gehofft, gebangt – und wurde jedes Jahr aufs Neue enttäuscht. Ich kann mich an kein anderes weißes Weihnachten erinnern. Nun, ich bezweifle auch, dass mein Sohn sich in zwanzig Jahren noch daran erinnern kann, aber wir haben die Schlittenfahrt festgehalten, das Schneegestöber, das Winter-Wonderland und haben ironisch „I’m dreaming of a white christmas“ gesungen. Yeah.
Ich fand‘s geil, weiße Weihnachten! Wie viele Dutzend Kinder glauben wohl jetzt wieder an Weihnachtsmann, Christkind und Co., wo doch dieses Jahr dieser Herzenswunsch erfüllt wurde, und mal ehrlich, das kann keine Mama und kein Papa bei Rofu kaufen, das schickt im wahrsten Sinne des Wortes der Himmel. Waren wir tatsächlich so brav?
Das ganze Gemecker kann ich wirklich nicht verstehen. Dann muss halt der Schnee geschippt werden, 1,20m glaub ich, wenn so viel da ist. Na und? Da wird’s einem doch warm ums Herz. Ein bisschen mehr laufen, statt Autofahren, kann bei dem Weihnachtsbraten nicht schaden. Und wenn das Weihnachtsfest dann halt im kleineren Rahmen gefeiert werden muss, kann es umso besinnlicher werden. Aber, das Thema hatten wir ja schon, wir Menschen können den Hals nicht voll genug bekommen und meckern so oder so. Meck, meck, Ziegenschreck.

Doch stopp, halt, ich kann heute nicht nur über das vergangene Weihnachten reden, ohoh, gleich kommt der Geist des zukünftigen (oder gegenwärtigen) Sylvesters und kneift mich. Wo doch so ein Jahreswechsel immer gebührend gefeiert werden muss. Warum eigentlich? Wozu der Aufwand, der Alkohol, die Knaller? Von uns glaubt doch keiner mehr an böse Geister, die vertrieben werden müssen und Ausreden zum Saufen finden wir auch so (Warum jetzt aufhören). Was kann so ein Tag, eine Sekunde ändern. Eine Ziffer im Kalender und auf dem Briefpapier. Oh weh, jetzt wird’s ernst. Ein Nachhilfeschüler hat mir letztens einen Test gezeigt, auf dem er Punkt fürs Datum bekommen (bzw. nicht bekommen) hat. Ändert sich wirklich etwas wegen einer Sekunde?
Genauso ist es doch mit Geburtstagen. Wir fühlen uns nicht wegen eines Tages älter oder jünger, der Rest des Jahres macht den Unterschied. Wenn ich jeden Tag Geburtstag hätte, würde mich auch das Alter 23449 nicht schocken. Doch so viel Jahre schafft gerade mal eine Plastiktüte unter der Erde.
Ich fand dieses Zeug schon immer blöd. Geburtstag, ok, das geht, man feiert mit Freunden und Verwandten, dass es einen gibt und dass man Freunde und Verwandte hat. Aber Sylvester?
Und dann noch diese Knallerei. Was soll das? Ist das so? Ich meine, muss das so sein? Wir bombardieren die Atmosphäre, vergrößern das Ozonloch, feuern die Treibh
ausgase an, verschmutzen die Straßen mit billigem Schießpulver. Bäh. Ich mag gar nicht daran denken, wie der Schnee dann aussehen wird. Uähh. Da ist mir das Töpfchenentleeren ja lieber. Und dann die unzähligen Dümmlinge, die an Sylvester mit abgesprengten Körperteilen in der Notaufnahme landen, mit mehr Alkohol als Blut in den Adern oder was weiß ich. Naja, ein gutes hat es ja. Im September können die Krankenhäuser wieder vermehrte Geburten verzeichnen. In dem Sinne, knallt und sauft und mehret euch.

Dienstag, 21. Dezember 2010

Klischees und Weihnachten



Ich hab mir lange überlegt mit welchem Thema ich euch in das Weihnachtsfest entlasse. Was wäre wohl angebracht? Festtagsessen? Familientreffen? Weihnachtsbaumdekoration? Kaufrausch? Zuckerrausch? Schneechaos? Feiertagsstress? Geschenkewahnsinn? Eigentlich von allem ein bisschen.
Ich war heute einkaufen – aha, nein, shoppen. In der Rhein Galerie. Und das auch nur, weil mein Liebster die ganze Zeit gedrängt hat : “Oh – Rhein Galerie – da müssen wir hin.“ „Warum?“
„Das ist die Rhein Galerie.“
„Und?“
„Da gibt’s einen H & M.“
„Schön.“

„Und Tom Tailor und Bench und Esprit und Deichmann und C & A und Foot Locker und äh …“
„Schön.“
„Da will ich hin.“
„Dann geh.“

„Mach ich auch.“
„Schön.“
Nachdem wir das etwa zehnmal durchgespielt hatten und Weihnachten kurz bevor steht, habe ich mich dann erweichen lassen. Und wer jetzt meint, da gäb’s vertauschte Rollen, ich hab mich schon gewundert, mit welcher seltsamen Handbewegung mein Schatz nach dem Schaltknüppel im Auto greift. Der nette H & M Mitarbeiter im V-Ausschnittpullover hätte es wahrscheinlich sehr ähnlich gemacht.
Und damit wäre also auch klar gestellt, dass wir im H & M waren. Genau genommen, nur im H & M. Da haben wir dann 3 ½ Stunden verbracht. Die meiste Zeit wartend vor der Umkleidekabine.
Schließlich kamen wir mit zwei Tüten wieder raus. Einer kleinen, mit zwei Teilen, und einer etwas größeren. Mit elf Teilen. Wer jetzt raten will, wem welche Tüte gehört, der darf das an dieser Stelle tun. Am Ende war es ja so oder so meine Schuld.
„Du hast mich nicht aufgehalten.“

„Aufgehalten?“

„Du hast zu allem gesagt, dass es gut aussieht.“
„Es sah ja auch gut aus.“

„Aber jetzt hab ich ***Euro für Klamotten ausgegeben.“

„Schön.“
„Jetzt muss ich alte Kleider aus meinem Schrank schmeißen.“

„Dann fang doch mit dem hässlichen, roten Hemd an.“
„NEIN! Das ist voll schön und genial.“
Mist. Da hat er schon seinen Schrank um zwei Kilo Klamotten bereichert und will das hässlichste Ding immer noch nicht wegschmeißen. Sind Männer immer so? Kaufen sich neue Sachen, nur um die hässlichen noch weiter zu behalten? Frauen schmeißen wenigstens wirklich etwas weg. „Das ist zu klein, ausgewaschen, ausgeleiert, verfärbt, gefällt mir nicht mehr.“ Wenn wir in so einer Zeit von verfälschten Klischees leben, frage ich mich, warum das noch nirgends angekommen ist, außer in schlechten nächtlichen Komediesendungen. Sagt doch ein Nachhilfeschüler letzten Montag:
„Ich hab ein Geschenk für meine Mutter zu Weihnachten, aber ich kann es nicht einpacken und ich weiß nicht, wen ich fragen soll.“

„Frag doch deinen Vater.“
„Der kann das nicht, der ist ein Papa.“

Und nein, der Junge war nicht in der Grundschule, sondern in der 7ten. Und wie ist dann bitte die Definition von ‚Papa‘?

"Männliches Wesen, das (zumindest scheinbar) Nachwuchs gezeugt hat und sich danach nicht gleich aus dem Staub macht, aber seltsamer Weise eine absolute Unfähigkeit zum Geschenkeinpacken zeigt.
"?
Der selbe Junge fragte mich übrigens etwas später, als ich wenig euphorisch reagierte, während er von einem Ausflug nach Mainz zum Schuhmuseum sprach: „Aber wieso? Sie si
nd doch eine Frau.“
Klischee, Klischee, wie weit sind deine Kreise. Du stehst nicht nur im Raum herum, auch in den Köpfen bist du schon. Klischee, Klischee, wie weit sind deine Kreise. (Wer sich den O-Tannenbaum noch nicht gedacht hat, dem sei an dieser Stelle der Hinweis gegeben, die zweite Strophe folgt.)
Klischee, Klischee, wie falsch sind deine Reden. Du schummelst hier und schwindelst da, es ist nicht mal die Hälfte wahr. Klischee, Klischee, wie falsch sind deine Reden.
Gerade an Weihnachten nerven mich Klischees. Aber nur, weil das Kitsch-Bild, das man sich am meisten wünscht, mit seiner Familie an Weihnachten fröhlich und vereint unterm Weihnachtsbaum im Wohnzimmer zu sitzen, einfach nicht wahr wird, egal wie sehr man sich anstrengt. Die nörgelt, der kommt nicht, sie hat Kopfweh und er kommt später, die da ist müde und er da nervt. Ich wünsche mir zu Weihnachten stattdessen mal so ein Micky Maus – Märchen –
Heilig Abend Erlebnis. Das Essen schmeckt jedem und sieht aus wie gemalt, der Baum nadelt nicht und erstrahl in hellem Schein, jeder lacht und alle sind nett zu einander, die Kinder gehen brav und artig schlafen (oder in meinem Fall das Kind zumindest), alle haben sich lieb und für diesen einen, verdammte Tag stimmen die Klischees der Welt einmal. Das wär es doch. Wer braucht da noch Geschenke?

Dienstag, 14. Dezember 2010

Wer kommt denn da?




Ich hasse den Weihnachtsmann. Diesen fetten, knallroten, zuckerwassertrinkenden Pseudo-Heiligen. Santa Claus, wer’s glaubt. Santa Claus kommt noch immer von Sankt Nicolaus, und damit hat dieser Kerl bereits einen Feiertag, den 6ten Dezember, an dem er als Bischof von Myra den Kindern Nüsse bringen kann. Oder auch im Falle meines Sohnes eine Ukulele. Wozu braucht ein zweijähriger eine Ukulele? Um den Boden zu hauen?

Und diese furchtbare Metamorphose, die der führende Anbieter von zuckerhaltigen Getränken mit dem armen Sankt Nikolaus angestellt hat. Sie haben ihn seiner Bischofsmütze beraubt. Seinen Stab verbannt. Seinen Schlitten mit einem fliegenden Teppich gekreuzt und dann auch noch Knecht Ruprecht in Rentiere verwandelt. Habt ihr ‚ne Ahnung wie die heißen? Comet, Cupid, Prancer, Vixen, Donner, Blitzen, Dasher und Dancer, nicht zu vergessen den dauerbetrunkenen Rudolph. Wie schwul können Namen klingen? Dasher? Dancer? John Travolta lässt grüßen. Aber die Spitze ist ja noch immer Vixen. Jaja, ihr versauten Objekte da draußen, lacht nur. Ein Rentiername klingt wie eure Lieblingsbeschäftigung.

So ein ***. Wirklich, ich hasse den Weihnachtsmann. Diesen Konsumantreiber, das Bild der Wegwerf-Gesellschaft. Mehr Geschenke, größere Geschenke, teurere Geschenke! Ein Wettbewerb der Verpackungsinhalte. Mein Liebster fängt jetzt auch an. „Diese Jahr will ich deinem Vater aber was Richtiges schenken.“ Was Richtiges? Was zum Henker meint der? Einen Flatscreen? Goldbarren? Einen Landstrich? Wo ist die gute alte Zeit hin, als man noch basteln konnte. Ich mein jetzt keine kleinen selbst verhunzten Bilderchen. Ich rede von Keilrahmen, Seidenmalerei, Acrylbildern, selbst gegossenen Kerzen. Was soll mein Vater mit etwas anfangen, was er sich schon längst selbst gekauft hätte? Lieber ich schenke ihm etwas, wovon er nicht wusste, dass er es wollte.

Ich hasse den Weihnachtsmann aber vor allem deshalb, weil er das arme Christkind vertreibt. Als ich klein war, durften wir heilig Abend nicht ins Wohnzimmer, bis ein Glöckchen geläutet hat. Dann war das Christkind da. Kein Kamin, kein fetter Einbrecher, ein kleines Christkind brachte magisch die Geschenke. Meine Stiefschwester meinte das Christkind wäre viel zu schwach die Geschenke zu tragen. Mag ja sein. Aber es ist bestimmt nicht realistischer, dass ein kugelrunder, alter Mann in einem fliegenden Schlitten zu nicht vorhandenen Kaminen fliegt, mit Rentieren namens Dancer und Vixen.

Die Vorstellung des Christkindes, das himmlisch und magisch in die Häuser kommt, alle Jahre wieder, ist wesentlich romantischer und ich will daran festhalten, egal wie sehr die Welt zu Santa Claus tendiert. Santa Claus ist eine nette Figur, aber ich hasse ihn, wenn er das Christkind ersetzten soll. Wenn er als Schokoladenfigur meinen Esstisch zu dutzenden bevölkert, weil jeder meint ein Zweijähriger bräuchte zehnt davon auf einmal. Wenn er an den Weihnachtsbäumen hängt. Wenn er als schreckliche Puppe in Häuser einbricht, oder als blinkendes Licht in Vorgärten und Fenstern steht. Von mir aus kann er mit seinen schwulen Rentieren echt am Nordpol bleiben. Aber Vorsicht, lieber Weihnachtsmann. Die globale Erwärmung kommt, die Polkappen schmelzen und bald wird’s dir zu heiß in deinem roten Mantel. Das Christkind ist da klar im Vorteil.

Donnerstag, 9. Dezember 2010


Ich finde es immer wieder faszinierend welche tatsächliche, unterschwellige Magie vom Winter, oder auch der Weihnachtszeit ausgeht, je nachdem wie pathetisch und religiös ihr seid, könnt ihr es so oder so halten. Vielleicht merken es die wenigsten, oder sie werfen es dem schnöden Zufall zu. Aber selbst der verliert bei zu häufigem Vorkommen solcher Ereignisse den Anspruch wirksam zu sein.
Wovon ich rede? Davon, dass einem jede Nase lang ein alter Bekannter über den Weg läuft – rein zufällig eben.
Oder zumindest mir meine halbe Jahrgangsstufe. Dabei fing es so an, dass es wirklich kaum zu erkennen war. Ganz unterschwellig und heimlich letzten Donnerstag, als ich meinen alten Latein-Lehrer am Bahnhof traf. Insofern nichts merkwürdiges, als da
ss mein Bahnhof kaum 10 Minuten vom Gymnasium entfernt ist und ich den Lehrer des öfteren da sehe. Besonders aber, da er tatsächlich einmal mehr hervorbrachte als „Morgen, Eva.“
Am Freitag kam dann das volle Programm. Morgens im Zug traf ich eine Schulfreundin, die ich seit dem Abitur nicht mehr gesehen hatte. Dabei hatte ich meinen eigentlichen Zug wegen morgendlicher „will net“-„na los jetzt“-Diskussionen verpasst hatte und zu spät dran war, Zufall eben. Wir quatschten, wie es alte Freunde eben tun und tauschte aktuelle mail-adressen aus. Am gleichen Abend traf ich eine weitere Schulfreundin, von der ich zumindest digital schon ein paar Mal gehört hatte. Sie war bei der Nikolausfeier der Kita – aber nicht als Mama, sie begleitete nur eine befreundete Mutter
, deren Tochter sie ab und an hütetet. Also war sie – na klar – rein zufällig da.
Da das Wochenende abgesehen von einem verabredeten Treffen mit einem alten Freund, also ganz ohne Zufall, ruhig verlief, glaubte ich noch an das wirre Schicksal. Bis gestern. Da traf ich in der Uni eine weitere Schulfreundin, verpasste fast meinen Zug nach Hause wegen der Unterhaltung und vereinbarte mit ihr, dass wir nächstes Semester ein Seminar zusammen nehmen. Mittags war spätestens das Maß des Zufalles erschöpft. Ich traf eine vierte Schulfreundin bei der Arbeit, wo sie wohl ab und an einspringt, ich sie aber noch nie gesehen hatte.
Gut. Dass sie dort auftaucht, wenn sie tatsächlich auch hin und wieder da arbeitet – nicht verwunderlich. Dass eine Studentin an der Uni anzutreffen ist – ganz normal. Eine Bekannte im Zug treffen – wenn man aus der gleichen Gegend kommt, kann das schon mal sein. Aber mindestens die Nikolausfeier war zu viel des Guten. Und alles zusammen in unter einer Woche?
Nein, lieber
Zufall, das rechne ich nicht dir an. Das ist 100%ig der Verdienst des Winter-Weihnachts-Geists. Ich bin wirklich gespannt, was in den nächsten 16 Tagen noch so passiert. Klassentreffen? Kindergartenwiedervereinigung? Krabbelgruppenkaffeeklatsch? Find ich toll, echt jetzt. Aber – ich würde die Leute auch ganz gern mal im Rest des Jahres treffen. So rein zufällig.

Mittwoch, 1. Dezember 2010

Advent, Advent


Alle Jahre wieder merken die Leute am ersten Dezember, dass es auch dieses Jahr wieder Weihnachten gibt. Randerscheinungen wie Schokoladenstände im August und eröffnete Weihnachtsmärkte mit heißem Glühwein wurden wahr genommen, doch die Konsequenzen, die Konsequenzen wurden vernachlässigt.

Weihnachtsgeschenke, Adventskranz, Adventskalender, … Der Horror ist da!

Ich habe mich auch erst letzten Sonntag daran gemacht einen Kranz zu stecken. Ich mach das immer lieber selbst, die gekauften sind so stereotypisch kitschig und langweilig. Ich kauf ja auch meinen Kuchen nicht, sondern mach ihn lieber selbst. Genauso wie den Babybrei. Eine Zeit lang hab ich sogar selbst Badeöl gemacht. Vielleicht übertreib ich es gern.

Jedenfalls waren wir irgendwann mitsamt Kranz – meine Mutter hatte sogar noch Kerzen für uns – und dem Kranz für den Schwiegervater zu hause.

„Jetzt sind wir gewappnet“, sagte mein Verlobter scherzhaft.

„Besser spät, als nie“, erwiderte ich und fügte seinem verwirrten Gesichtsausdruck hinzu, dass der erste Advent ja schon da war. Seine Augen weiteten sich, der Mund stand offen, Schock und Stress übermannte ihn.

„Echt???“

Das gleiche in grün gab es dann beim Thema Adventskalender. Die machen wir im Übrigen auch selbst. Ich habe zwei Samstage geopfert, um meinem Kleinen den ersten Adventskalender zu basteln. Mit Sicherheit schöner, als der für 99Cent aus Aldi/Lidl und immer noch überraschender als der von Kinder. Als ich das gute Stück gestern aufgehängt habe, verfällt mein Freund wieder in Schockstarre.

„Da hab ich ja gar nicht drangedacht.“

Super. Ich mein, Weihnachten kommt ja immer so überraschend. Dieses Jahr schon am 24.12. Stellt euch das mal vor. Wie soll man sich da nur drauf vorbereiten. Schwuppdiwupp muss der Baum besorgt sein, die Gans, die Geschenke – nicht zu schaffen. Auf keinen Fall.

Da werden die Weihnachtsmärkte wieder fürs letzte Wochenende vor Weihnachten aufgesparrt, das Essen wird am 24 gekauft, nur was es dann noch gibt ist es wert daraus ein Festmahl zuzubereiten. Mmm, lecker, Fischstäbchen und Nutella.

Und dann der Schnee. So ein Mistkerl, so ein Verdammter! Kommt zum Dezemberanfang, nur um sich wieder zu verpissen, wenn der Kalender eine zwei vorne zeigt. Ich pack mir ne Portion in die Tiefkühltruhe und die hol ich dann raus, lass sie vom Hausdach rieseln. Und dann muss der Himmel mitziehen. Muhaha.

Das gefällt mir, so mach ich weiter. Ich mach mir tatsächlich Gedanken über die Geschenke, damit zwing ich die anderen das auch zu tun und mir mehr zu schenken, als Kerzen in Engeldesing und Socken. Wenn ich noch ein Fensterbild geschenkt bekomme, raste ich aus. Ich wohne unter dem Dach. Mit schrägen Dachfenstern. Das weiß jeder, der mir etwas zu Weihnachten schenkt. Und trotzdem ist keine so intelligent daran zu denken, dass ich die gar nicht aufhängen kann. Ich fordere das Recht des Wunschzettels zurück. Dann bekommt jeder, was er will und niemand wird enttäuscht. Vote for Wunschzettel! Bujah.

Mittwoch, 24. November 2010

Ich möchte diese Woche noch Mal auf das Begehren eigehen. Erstens, weil es uns einfach alle zu sehr beschäftigt, auch wenn wir es nicht zugeben wollen, zweitens, weil ich ein paar Dinge klarstellen will.
Zunächst war es vielleicht zu schnell zu sagen, dass niemand glücklich sein kann. Aber präzisieren wir. Wenn wir glücklich sind, ganz kitschig bei der Hochzeit, oder einfacher, wenn wir uns den neuen Sportwagen oder das neue Smartphone geleistet haben. Wie lange hält das an? Für den Augenblick sind wir bestimmt glücklich. Wir haben, was wir wollten, oder denken das zumindest. Alles scheint perfekt. Und da beginnt es zu hapern. Erinnert ihr auch an Matrix, wenn Mr. Anderson sagt, dass die Menschen eine perfekte Welt nicht vertragen haben? Ich denke, damit hat er gar nicht so unrecht. Wenn es perfekt ist, kommen uns Zweifel. Fehlt wirklich nichts? Wollte ich das wirklich? Brauche ich nicht mehr? Und es kommen Ängste. Was, wenn mir das wieder genommen wird? Wer wird es mir nehmen? Ist der erste Schritt dahin nicht schon getan? Wann werde ich es verlieren? Dabei geht’s es meist weniger um die Sache an sich, als um das Gefühl der Befriedigung. Das wollen wir nicht verlieren und wir wissen, dass wir es verlieren.
Es kommt zum ersten Ehekrach, der Wagen hat plötzlich nen Kratzer und das scheiß Handy will nicht so, wie wir. Aus die Maus, die Seifenblase platzt. Dann sind wir wieder an dem Punkt, an dem wir begehren, mehr wollen. Und bis wir das erreicht haben, sind wir glücklich über jeden Schritt. Das brauchen wir. Der Weg ist das Ziel, nur leider kapieren das nur wenige. Es gibt glückliche Menschen, aber ehrlich, wirklich glücklich sind wir nicht am Ziel, sonder auf dem Weg dahin, das Begehren erfüllt uns, der Hauch der Befriedigung. Das Streben nach Glück. So einfach ist das. Und gerade das macht Lieder, Bücher und Filme, die sich um Begehren drehen so erfolgreich. Sie pochen auf die einfachste Romantik, die in uns allen steckt, auch wenn die y-Chromosom-Exemplare das weniger gern zugeben.
Doch selbst die stecken mit drin. Was macht Herr Washington in Men on fire? Er begehrt etwas, die Rache. Gilt im Übrigen für so manche männlichen Idole. Jack Sparrow begehrt die Black Pearl, Indianer Jones die Schätze, James Bond neben Frauen auch die Sicherheit der Welt und so weiter. Wer will eigentlich mal nichts? Manche ändern ihr Ziel. Batman will erst Rache, dann beschützt er Gottham, Spiderman ergeht es ganz ähnlich. Also sollten gerade die Männer lieber mal ruhig sein. Die begehren erst Recht.
Aber etwas Gutes hat es. Wenn man weiß, dass es eigentlich das Begehren ist, das und antreibt und dieses wohlige Gefühl verbreitet, kann man sehr leicht dabei bleiben. Etwas zu begehren gibt es immer. Warum sollte ich alles haben wollen, wenn es viel verführerischer ist, manches eben nicht haben zu können. Warum muss pausenlos wiederholt werden, dass ein Mensch ohne Träume eine sehr traurige Gestalt ist. Wenn wir nichts haben, wofür es sich kämpfen lässt, lässt es sich eben darum kämpfen, wir können nur gewinnen. Eigentlich ein paar ganz besinnliche Gedanken, wenn wir unseren Blick mal auf Weihachten richten. Warum sollte ich alles haben wollen? Und warum fällt es uns so schwer, zu sagen, was wir uns wünschen? Wir wünschen uns so viel, und wenn wir nichts mehr zu wünschen hätten, wäre das Morgen sehr langweilig. Ich wünsche mir lieber zu viel. Meine Wunschzettel quillen über, dabei bin ich für den Augenblick schon sehr glücklich mit dem Moment, wenn alle meine Lieben in meinem Wohnzimmer sitzen, satt und träge. Ein Moment der Glücklichkeit, und ich weiß, er wird vergehen. Doch dann kann ich mich wieder darauf freuen.

Mittwoch, 17. November 2010

Begehren



Ich habe mich diesem Wahn ja lange verweigert. Das wollte ich nie tun, soweit war ich mir sicher. Nur das Schicksal hat das etwas anders gesehen. So stellte ich schon zu Beginn dieses Semesters fest, dass ich den ersten „Biss“-Teil lesen musste. Wuäh.

Ich hatte ja schon einiges von dieser Teenagerschnulze gehört, und eher Schlechtes als Gutes. Platter Stil, eindimensionale Figuren, lahme Story, solche Kritiken bekam ich zu hören, ganz im Gegensatz zu dem Massenwahn der Mehrheit. Nun, die Geschichte hatte mich schon vorher nicht interessiert, das gleiche kannte ich schon in rosa, blau und gelb, nochmal in grün war echt nicht nötig. Doch dieses verfluchte Schicksal.

Auf meinem Seminarplan fand ich also zu meinem Schrecken ein Buch, das ich nie lesen wollte und jetzt sah es so aus: Nicht lesen, was mir ganz sympathisch aussah, oder brav sein und doch lesen.

Schicksal hatte da schon seinen eigenen Kopf, es führte mich in die katholische öffentliche Bücherei, wo doch tatsächlich die drei Biss-Bände im Regal standen. Also wollte ich es nicht weiter strapazieren, manchmal schlägt das Schicksal ja ganz gemein zurück. Ich lieh das Buch aus und setzte mich zu Hause ans Lesen, um es hinter mich zu bringen.

Tatsächlich wurden meine Vorurteile nicht enttäuscht. Der Plott ist platt, die Figuren eindimensional, etc. Der Konflikt der Verliebten wird überdeutlich gezeichnet, und nervt schon am Ende des ersten Buches gewaltig. Doch ich bin ja nicht hier, um auf sowas aufmerksam zu machen. Darüber wurde bei den Buchkritiken schon geschrieben. Worüber ich schreiben will, ist was Frau Meyer tatsächlich ganz gut macht: Begehren. Oder besser: Sie zeigt Begehren.

In jedem Gespräch, jedem Gedankengang, jeder Nebenhandlung und natürlich, ziemlich offensichtlich, in der Haupthandlung geht es um Begehren. Mal unschuldig, mal ziemlich heftig, doch immer nur Begehren. Vielleicht ist es deshalb schnell langweilig?

Doch es trifft den Nagel auf den Kopf. Wir alle begehren. An Weihnachten vielleicht etwas mehr, als sonst, jedenfalls materiell gesehen. Und dann? Was kommt eigentlich nach dem Begehren?

Der kitschige Romantiker hat seinen Spaß am Begehren. Die große Sehnsucht nach jedem und allem. Das Nie-Genung-Bekommen. Das ist es. Und das ist doch das wirkliche Problem. Wenn wir nämlich mal bekommen, was wir wollen, fehlt uns plötzlich was anderes. Das Begehren. Wir begehren das Begehren. Mal ehrlich. Du bekommst eine Wii und willst Spiele dazu. Du bekommst ein Handy, und willst ein Netbook. Du bekommst eine CD und willst zum Konzert. Soll ich weiter machen?

Ich finde das gar nicht so schlimm, solange wir es nicht abstreiten. Wenn ich meine Oma frage, wie es ihr geht, sagt sie: Ich bin zufrieden. Und das ist mal fair. Das heißt nicht, es geht ihr gut, oder sie ist glücklich, oder sie hat alles, was sie braucht. Es sagt nur, dass sie zufrieden ist. Es verheimlicht aber auch nicht, dass sie mehr begehrt. Mehr als nur den nächsten Tag. Zufrieden, das heißt, es passt grad, es könnte schlimmer sein.

Das ist wichtig, oder? Das wir begehren. Wenn wir nicht mehr begehren, was machen wir dann noch? Sind wir dann zufrieden? Niemals! Das ist das Geheimnis. Zeig den Menschen, was sie wollen. Begehren. Eine Sache, einen Moment, einen Menschen, ein Gefühl. Hauptsache, sie begehren. Und werden begehrt. Sagt es euch laut: Ich werde begehrt (bitte nicht lachen) und ich begehre. Stellt es euch vor. Ein Schokoeis, einen Kaffee, einen Kuss, ein Buch. Begehren ist geil, es macht an und Spaß. Wir sind nicht zum Glücklichsein gemacht, sondern zum Begehren.