Mittwoch, 17. November 2010

Begehren



Ich habe mich diesem Wahn ja lange verweigert. Das wollte ich nie tun, soweit war ich mir sicher. Nur das Schicksal hat das etwas anders gesehen. So stellte ich schon zu Beginn dieses Semesters fest, dass ich den ersten „Biss“-Teil lesen musste. Wuäh.

Ich hatte ja schon einiges von dieser Teenagerschnulze gehört, und eher Schlechtes als Gutes. Platter Stil, eindimensionale Figuren, lahme Story, solche Kritiken bekam ich zu hören, ganz im Gegensatz zu dem Massenwahn der Mehrheit. Nun, die Geschichte hatte mich schon vorher nicht interessiert, das gleiche kannte ich schon in rosa, blau und gelb, nochmal in grün war echt nicht nötig. Doch dieses verfluchte Schicksal.

Auf meinem Seminarplan fand ich also zu meinem Schrecken ein Buch, das ich nie lesen wollte und jetzt sah es so aus: Nicht lesen, was mir ganz sympathisch aussah, oder brav sein und doch lesen.

Schicksal hatte da schon seinen eigenen Kopf, es führte mich in die katholische öffentliche Bücherei, wo doch tatsächlich die drei Biss-Bände im Regal standen. Also wollte ich es nicht weiter strapazieren, manchmal schlägt das Schicksal ja ganz gemein zurück. Ich lieh das Buch aus und setzte mich zu Hause ans Lesen, um es hinter mich zu bringen.

Tatsächlich wurden meine Vorurteile nicht enttäuscht. Der Plott ist platt, die Figuren eindimensional, etc. Der Konflikt der Verliebten wird überdeutlich gezeichnet, und nervt schon am Ende des ersten Buches gewaltig. Doch ich bin ja nicht hier, um auf sowas aufmerksam zu machen. Darüber wurde bei den Buchkritiken schon geschrieben. Worüber ich schreiben will, ist was Frau Meyer tatsächlich ganz gut macht: Begehren. Oder besser: Sie zeigt Begehren.

In jedem Gespräch, jedem Gedankengang, jeder Nebenhandlung und natürlich, ziemlich offensichtlich, in der Haupthandlung geht es um Begehren. Mal unschuldig, mal ziemlich heftig, doch immer nur Begehren. Vielleicht ist es deshalb schnell langweilig?

Doch es trifft den Nagel auf den Kopf. Wir alle begehren. An Weihnachten vielleicht etwas mehr, als sonst, jedenfalls materiell gesehen. Und dann? Was kommt eigentlich nach dem Begehren?

Der kitschige Romantiker hat seinen Spaß am Begehren. Die große Sehnsucht nach jedem und allem. Das Nie-Genung-Bekommen. Das ist es. Und das ist doch das wirkliche Problem. Wenn wir nämlich mal bekommen, was wir wollen, fehlt uns plötzlich was anderes. Das Begehren. Wir begehren das Begehren. Mal ehrlich. Du bekommst eine Wii und willst Spiele dazu. Du bekommst ein Handy, und willst ein Netbook. Du bekommst eine CD und willst zum Konzert. Soll ich weiter machen?

Ich finde das gar nicht so schlimm, solange wir es nicht abstreiten. Wenn ich meine Oma frage, wie es ihr geht, sagt sie: Ich bin zufrieden. Und das ist mal fair. Das heißt nicht, es geht ihr gut, oder sie ist glücklich, oder sie hat alles, was sie braucht. Es sagt nur, dass sie zufrieden ist. Es verheimlicht aber auch nicht, dass sie mehr begehrt. Mehr als nur den nächsten Tag. Zufrieden, das heißt, es passt grad, es könnte schlimmer sein.

Das ist wichtig, oder? Das wir begehren. Wenn wir nicht mehr begehren, was machen wir dann noch? Sind wir dann zufrieden? Niemals! Das ist das Geheimnis. Zeig den Menschen, was sie wollen. Begehren. Eine Sache, einen Moment, einen Menschen, ein Gefühl. Hauptsache, sie begehren. Und werden begehrt. Sagt es euch laut: Ich werde begehrt (bitte nicht lachen) und ich begehre. Stellt es euch vor. Ein Schokoeis, einen Kaffee, einen Kuss, ein Buch. Begehren ist geil, es macht an und Spaß. Wir sind nicht zum Glücklichsein gemacht, sondern zum Begehren.

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