Dienstag, 21. Dezember 2010

Klischees und Weihnachten



Ich hab mir lange überlegt mit welchem Thema ich euch in das Weihnachtsfest entlasse. Was wäre wohl angebracht? Festtagsessen? Familientreffen? Weihnachtsbaumdekoration? Kaufrausch? Zuckerrausch? Schneechaos? Feiertagsstress? Geschenkewahnsinn? Eigentlich von allem ein bisschen.
Ich war heute einkaufen – aha, nein, shoppen. In der Rhein Galerie. Und das auch nur, weil mein Liebster die ganze Zeit gedrängt hat : “Oh – Rhein Galerie – da müssen wir hin.“ „Warum?“
„Das ist die Rhein Galerie.“
„Und?“
„Da gibt’s einen H & M.“
„Schön.“

„Und Tom Tailor und Bench und Esprit und Deichmann und C & A und Foot Locker und äh …“
„Schön.“
„Da will ich hin.“
„Dann geh.“

„Mach ich auch.“
„Schön.“
Nachdem wir das etwa zehnmal durchgespielt hatten und Weihnachten kurz bevor steht, habe ich mich dann erweichen lassen. Und wer jetzt meint, da gäb’s vertauschte Rollen, ich hab mich schon gewundert, mit welcher seltsamen Handbewegung mein Schatz nach dem Schaltknüppel im Auto greift. Der nette H & M Mitarbeiter im V-Ausschnittpullover hätte es wahrscheinlich sehr ähnlich gemacht.
Und damit wäre also auch klar gestellt, dass wir im H & M waren. Genau genommen, nur im H & M. Da haben wir dann 3 ½ Stunden verbracht. Die meiste Zeit wartend vor der Umkleidekabine.
Schließlich kamen wir mit zwei Tüten wieder raus. Einer kleinen, mit zwei Teilen, und einer etwas größeren. Mit elf Teilen. Wer jetzt raten will, wem welche Tüte gehört, der darf das an dieser Stelle tun. Am Ende war es ja so oder so meine Schuld.
„Du hast mich nicht aufgehalten.“

„Aufgehalten?“

„Du hast zu allem gesagt, dass es gut aussieht.“
„Es sah ja auch gut aus.“

„Aber jetzt hab ich ***Euro für Klamotten ausgegeben.“

„Schön.“
„Jetzt muss ich alte Kleider aus meinem Schrank schmeißen.“

„Dann fang doch mit dem hässlichen, roten Hemd an.“
„NEIN! Das ist voll schön und genial.“
Mist. Da hat er schon seinen Schrank um zwei Kilo Klamotten bereichert und will das hässlichste Ding immer noch nicht wegschmeißen. Sind Männer immer so? Kaufen sich neue Sachen, nur um die hässlichen noch weiter zu behalten? Frauen schmeißen wenigstens wirklich etwas weg. „Das ist zu klein, ausgewaschen, ausgeleiert, verfärbt, gefällt mir nicht mehr.“ Wenn wir in so einer Zeit von verfälschten Klischees leben, frage ich mich, warum das noch nirgends angekommen ist, außer in schlechten nächtlichen Komediesendungen. Sagt doch ein Nachhilfeschüler letzten Montag:
„Ich hab ein Geschenk für meine Mutter zu Weihnachten, aber ich kann es nicht einpacken und ich weiß nicht, wen ich fragen soll.“

„Frag doch deinen Vater.“
„Der kann das nicht, der ist ein Papa.“

Und nein, der Junge war nicht in der Grundschule, sondern in der 7ten. Und wie ist dann bitte die Definition von ‚Papa‘?

"Männliches Wesen, das (zumindest scheinbar) Nachwuchs gezeugt hat und sich danach nicht gleich aus dem Staub macht, aber seltsamer Weise eine absolute Unfähigkeit zum Geschenkeinpacken zeigt.
"?
Der selbe Junge fragte mich übrigens etwas später, als ich wenig euphorisch reagierte, während er von einem Ausflug nach Mainz zum Schuhmuseum sprach: „Aber wieso? Sie si
nd doch eine Frau.“
Klischee, Klischee, wie weit sind deine Kreise. Du stehst nicht nur im Raum herum, auch in den Köpfen bist du schon. Klischee, Klischee, wie weit sind deine Kreise. (Wer sich den O-Tannenbaum noch nicht gedacht hat, dem sei an dieser Stelle der Hinweis gegeben, die zweite Strophe folgt.)
Klischee, Klischee, wie falsch sind deine Reden. Du schummelst hier und schwindelst da, es ist nicht mal die Hälfte wahr. Klischee, Klischee, wie falsch sind deine Reden.
Gerade an Weihnachten nerven mich Klischees. Aber nur, weil das Kitsch-Bild, das man sich am meisten wünscht, mit seiner Familie an Weihnachten fröhlich und vereint unterm Weihnachtsbaum im Wohnzimmer zu sitzen, einfach nicht wahr wird, egal wie sehr man sich anstrengt. Die nörgelt, der kommt nicht, sie hat Kopfweh und er kommt später, die da ist müde und er da nervt. Ich wünsche mir zu Weihnachten stattdessen mal so ein Micky Maus – Märchen –
Heilig Abend Erlebnis. Das Essen schmeckt jedem und sieht aus wie gemalt, der Baum nadelt nicht und erstrahl in hellem Schein, jeder lacht und alle sind nett zu einander, die Kinder gehen brav und artig schlafen (oder in meinem Fall das Kind zumindest), alle haben sich lieb und für diesen einen, verdammte Tag stimmen die Klischees der Welt einmal. Das wär es doch. Wer braucht da noch Geschenke?

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